Offener Brief zur Absage der WuKaMenta 2018

Offener Brief zur Absage der WuKaMenta 2018 auf dem Neumarkt Dresden
an den Oberbürgermeister der Stadt Dresden Dirk Hilbert

Datum: 5. April 2018

Als die Demonstrationen von Wutbürgern das Herz von Dresden überrollten, da waren Künstler willkommen, um im öffentlichen Raum die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Kreativen vermögen die Wut zu dressieren und umzuwandeln.

Die WuKaMenta als ein niederschwelliges kommunikatives Kulturangebot wurde 2016 und 2017 als eigenes Kunstformat im öffentlichen Raum, als Initiative von Unten, als Museum ohne Dach und freie Akademie für Kunst im öffentlichen Raum etabliert, um einen Sprung auf eine neue Ebene der Reflexion in Dresden zu schaffen. Sie hinterfragt das konservative Dresden und vertritt eine Kunst, die mal mehr, mal weniger radikale Aussagen hat und sich jedenfalls der industriellen und stadtpolitischen Verwertbarkeit verweigert.

Kunst der Lüge e. V. stellte einen Antrag für die WuKaMenta 18 auf dem Neumarkt. Die Ablehnung der Stadtverwaltung bedeutet, drei Jahre Forschungsarbeit mit jeweils 33 Künstler auf den Müll zu werfen. Die Kulturhauptstadt-Bewerbung ordnet die Akteure ein, um sie für die Ausrichter verwertbar zu machen. Auf der einen Elbseite feiert die Bildungselite und stellt das erworbene Bildungskapital zur Schau und auf der anderen Elbseite ist Kultur mit Ausgrenzung verbunden.

Kunst ist ungerecht – ein Kampffeld des Überlebens – ein Ort der gesellschaftlichen Abgrenzung. Verschiedene Szenen stärken hier Ihre Identitäten, indem sie die Unterschiede zu anderen betonen. Künstlern ist dies bewußt und um nicht benutzt zu werden haben sie sich selbst ermächtigt und entwickelten eigene Kulturen, um dieses selbstorganisierte, zweiwöchige öffentliche Instant-Ereignis zu realisieren. Gehen ohne Spuren – auf die Umwelt wird Rücksicht genommen, sie räumen auf, bevor sie gehen und lassen diese Plätze in besserem Zustand zurück, als sie sie vorgefunden haben.

Künstler stellen sich mit ihrer leibhaften Existenz, den Unwägbarkeiten des öffentlichen Raumes, konfrontieren sich mit Ignoranz und Unmut. Sie ersetzen Konsum durch teilhabende Erfahrung und ermutigen jeden Einzelnen, die eigenen Ressourcen zu entdecken und auf sie zu vertrauen. Wenn sie die Aufführungsform radikal verändern können, dann bedeutet das, dass alles andere auch veränderbar ist: das eigene Leben, die Gesellschaft, die herrschende Ordnung.

Kunst zähmt widerständige Kräfte – Kunst als Ware, schmiert das funktionierende System – WuKaMenta als Sand im Getriebe folgt der Idee der Formlosigkeit. Kreativität duldet keine Anleitung, keine Methode, und dennoch existiert ein Faden.

Ohne Schwellen und bei freiem Eintritt steht die WuKaMenta für die kreative Kraft von Spiel, Konfrontation und Reibung. Die spielerische Form erlaubt es Künstlern weit besser, in die Gesellschaft hineinzuwirken, denn bei komplexen Zusammenhängen ist der spielerische dem objekthaften Ansatz weit überlegen.

Auf der WuKaMenta findet man verbeulte Kunst, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straße hinausgegangen, statt sich auf Grund der Bequemlichkeit, auf die Sicherheit international anerkannter Positionen zurückzuziehen. Sie bedeutet Zusammenfügen von unvereinbaren Gegensätzen, das Niederreißen von Grenzen, Überspringen von Hindernissen und Schaffen neuer Differenzen.

Widerstand und alternative Projekte können nur von Untern wachsen. Die WuKaMenta ist ein Trainingsgelände unserer Demokratie, ein Ort des Aushandelns zwischen individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung. Sie durchleuchtet die unerfüllbare Sehnsucht nach Stabilität, nach Heimat und ethnischer Homogenität – eine brillante volkspädagogische Wirkung, ein modernes Fass des Diogenes.

Als Grenzüberschreitungen ist die WuKaMenta lustvolle Provokationen gegenüber den Legitimationsstrategien zeitgenössischer Kunst, Quasi das ganze illusorische Hin und Her.

Die Absage für die WuKaMenta 2018 zeigt deutlich, wie es den freien Trägern der Stadt im Rahmen der Hauptstadtbewerbung ergehen wird: Erst Bestandteil der Bewerbung und dann an den Rand geschoben.

Reinhard Zabka

Siehe auch:
WuKaMenta 2018 — Kurzkonzept
Reinhard Zabka

Dresden sagt WuKaMenta ab
Richard von Gigantikow, 4. April 2018

Thesen zur Kulturhaupstadt Bewerbung Dresden
Reinhard Zabka, 5. April 2018

Aus für die Wukamenta?
Juliane Richter, sz-online.de, 6. April 2018

Der drohende WuKaMenta-Skandal
Thomas Beier, 29. März 2018

Foto: André Wirsig