Ausstellungshintergrund

Thema
Interieur Underground ist der Titel einer neuen Rauminszenierung im Lügenmuseum Radebeul. Sie zeigt Kunstwerke randständiger Künstlern und der Subkultur der DDR. Dieser Raum und die dazugehörige Publikation vermittelt Einsichten in die ästhetischen Ausdrucksformen subkultureller Künstler bis hin zu den bilderstürmerischen Installationen der friedlichen Revolution in Ostdeutschland von den 1968-Jahren bis 1990. Der Underground (englisch, wörtlich: Untergrund) in der Kunst, in Ost wie in West, ist eine Szene, die als Gegenkultur nicht auf die Masse ausgerichtet ist, eigene Codes und eigene Sprachen entwickelt und unabhängig produziert. Ihre gesellschaftliche Taktlosigkeit ist ein in der Kunst äußerst schöpferischer Faktor.

Räumlicher Rahmen
Der Eintritt erfolgt im vierten Ausstellungsraum des Lügenmuseums durch einen Schrank und eine schmale Pforte in ein verstecktes Hinterzimmer. Dies gibt dem Raum eine konspirative Atmosphäre. Durch die Fenster schaut man auf einen Holunder vor einer fensterlosen Wand. Unten plätschert der Lößnitzbach. Die Atmosphäre eines Hinterhofatelier im Prenzlauer Berg oder Dresden Neustadt.

Situation vor 89
Die Kulturpolitik der DDR stand unter dem Diktat der SED, welche die freie Entwicklung der Kunst verhinderte. Die Bilder des sozialistischen Realismus täuschten über gesellschaftliche Missstände hinweg, wirkten dennoch ideologiebildend. Mit ihren falschen Versprechen wurden sie als ungeheurer Betrug empfunden.
Viele der widerständigen Künstler wurden geprägt von der Beat Generation. Die Musik aus dem Radio verbreitete ein befreiendes Lebensgefühl, welches dazu ermutigte, gegen Obrigkeiten aufzubegehren und auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Die von der Beat Generation beeinflusste Hippie-Bewegung, mit der für sie charakteristischen psychedelischen Kultur, begann ein politisches und gesellschaftskritisches Bewusstsein zu entwickeln….
Die Künstler der Gegenbewegung rebellierten gegen den Systemdruck und lernten, ihr Verwundungen zu offenbaren, mit der Angst umzugehen und dem Ghetto den Rücken zu kehrten. Ausgegrenzt nutzen sie ihre privaten Ateliers, experimentierten, warfen einen Blick über die Mauer, verbanden neue Ideen mit alten Kulturtechniken und schufen Biotope, die als Lebensgefühl und als Kunst die Welt heute noch bereichern.

Interieur Underground
Der Raum erzählt die Geschichte ausgegrenzter Künstler, in einem politisch obsoleten System, wo die Bürger mit Macht umgeformt werden sollten. Die Besucher können die Um- und Aufbrüche in autobiografischen Objekten erleben und wie es gelang zwischen Wut, Spaß und Träumen nicht gebrochen zu werden. Die Besucher erfahren etwas über die Art, wie sie mit Herausforderungen umgingen, und wie sie ihren Weg bis heute fanden. In dem Raum wird Zeitgeschichte lebendig und berührend, wie sie sonst kaum greifbar wird.

Das Lügenmuseum
„Ich habe mir alles selbst erfunden, eine Kindheit, eine Persönlichkeit, Sehnsüchte, Träume, Erinnerungen, um sie erzählen zu können, die Lüge ist immer interessanter als die Wahrheit.“ Federico Fellini an der Eingangstür des Lügenmuseums. Es zieht viele Besucher an, die noch nie in einem Museum waren. Der poetische Lügner verweist mit dem „Wahren Deutsch Historischen Lügenmuseum“ auf das Wahre, dies gehört zu seiner Raffinesse. Die Inszenierungen zeigen ehemals zensierte Objekte und Installationen. Die Poesie des Untergrunds, die unkonventionellen Ideen der Demokratiebewegung, der Boheme und Subkultur in Ostdeutschland demonstrierten die Macht der Phantasie im Angesicht der Zensur.

Beitragsfoto: Arbeiten von Annemirl Bauer am 2014 im Lügenmuseum im ehemaligen Gasthof Serkowitz Radebeul. Foto: André Wirsig