Weltlügenball 2017

Am 1. April, dem internationalen Weltlügentag, lädt das Lügenmuseum 19 Uhr zum Weltlügenball ein. Gefeiert wird 5 Jahre Lügenmuseum in Radebeul, 27 Jahre Durchhaltevermögen seit seiner Gründung in einem Brandenburgischen Dorf und sein 133. Geburtstag nach einer Legende. Fakenews hin, alternative Fakten her, das Lügenmuseum ist und bleibt aktuell.

„Wer so wenig Phantasie besitzt, eine Lüge erst noch beweisen zu müssen, der sollte lieber gleich die Wahrheit sagen.“ Oskar Wilde belehrt so über den präzisen Blick von Lügen. Allein die Kunst weiß die erhabene Art des Lügens, um des Lügen willen zu bewerkstelligen. Der „Ambassador of the Museum of Lies“ stellte jedenfalls auf dem weltweiten „Storytelling Festival“ in Edinburgh fest, dass das Lügenmuseums in Ostdeutschland ein Knaller ist.

Das Lügenmuseum ist eine Fahrt ins Blaue, in eine Milchstraße von Ideen. Es belebt den alten Gasthof Serkowitz von Dresden/Radebeul. Nach einer Einführung und einem Lügentee beginnt der Rundgang durch zwölf Räume. Das Lügenmuseum kann aber auch anders genutzt werden: als Pilgerort an der alte Frankenstraße, wo der sächsische Jacobsweg den thüringische Rennsteig kreuzt, als Ausflugsziel und Inspirationsquelle für Geburtstagsfeiern, als Künstlermuseum, in dem die Ausstellungsgestaltung selbst ein Kunstwerk ist, als halsbrecherischen Galopp durch die moderne und durch die zeitgenössische Kunst, als paradoxe Intervention, die Maschinen zur Belustigung und anarchische Apparate im ironischen Leerlauf vorführt, als wahres DDR Museum, in dem die Lüge zweier Systeme zum Atmosphärischen wurde, als Zeitreise in die Poesie des Untergrunds und die Notstandskreativität einer Mangelwirtschaft, als alternatives Einheitsdenkmal im maroden Charme des historischen Tanzsaales, als Wunderkammer, die Dinge ausstellt, die es gar nicht gibt, als Orakel, das Antworten auf jede Frage gibt, die Ihnen gerade in den Sinn kommt.

Das Lügenmuseum ist das Chamäleon unter den Museen im Elbtal.

Zum internationalen Weltlügenball gibt es eine offene Bühne, befreundete Künstler führen etwas auf.

Alle Welt ist herzlich eingeladen.

Gnadenchor im Lügenmuseum. Film: Anna Mateur 2015

Künstlerideen

WuKaMenta 2017
5.-16. Juni 2017, ein Museum ohne Dach. ab 8. Mai Montagsmesse um 18 Uhr.

Thema: Anders leben, aber wie?

Jan Heinke, Klangskulpturen, unvorbereitet aufeinander treffen und den Moment zum Klingen zu bringen;
Sophie Cau präsentiert ein poetischen Etwas und lädt alle französischen Freunde dazu ein;
Maria Trepte, Marleen Ohle Salon Tusch, kampieren in und vor einem Wohnmobil;
Reinhard Zabka, Telefone auf Tischen mit Hockern, Geschichten vom Neumarkt;
Robert Hennig und Irina, Tanzstunden, es werden Freikarten verteilt
Silvio Colditz, Neue Ausgabe des Maulkorbes mit Lesung, Konzert und Getränke;
André Wirsig, Fotograf, Ausstellung, Bannern an Bauzäunen der Baustelle;
Ka Dietze, Idee: Performer mit langen Angeln;
Jan Theiler, Pastor Leumund, Performane, Montagsmesse, Beichtsofa, Reliquien und Schilder für Gottesdienste;
Michael von Hintzenstern, DADAMENTA im Dialog, PEGI-DADA Performance;
Richard von Gigantikow Nationaltherapeuth: Nationalbewusstsein ist eine regional verbreitete Hysterie – durchaus heilbar;
Ilse und Margarete Performance, sie lassen ihre Koffer um die Frauenkirche tragen;
Prof. Kerstin Laube Freie Universität, Kunst im öffentlichen Raum, 40 Klapphocker, Übungen, Zertifikat;
Björn Voigt, Kinetische Objekte mit Vorstellung;
Hilla Steiner Performance: „…und nächstes Jahr bin ich auch gerne wieder dabei“;
Justus Ehras, Fernglas mit dem Geräusche auf dem Neumarkt aufgespürt werden können;
Cäesar und Muriel, Weidenpavillon bauen und bemalen;
Winfried Baumann, Mobile Wohnstation;
Hans Hermann Hack, öffentliche Interventionen;
Le Van Bo, Harz 4 Möbel;
Kulturinsel Einsiedel fahrbare Skulpturen, Freilichtmuseum eines ausgestorbene Volkes, Knüppel und Schüttelreime;
Klaus Liebscher Aktionspainting mit oder ohne die Radebeuler Künstlergruppe;
Hannes Heyne, „Spiel mit Natur-Klang-Dingen“;
Katja Martin, Fetischdokumentation, ein Beteiligungsprojekt, die Stadt lebt;
Tobias Heinemann, Langer Tisch für Anwohner und Freunde als Eröffnung, Frühstück, WuKaMenta als Störfall;
Martin Reichel, Pavillon für Info, ab Ende April, Organisationsberatung;
Conny Köckritz, Kooperation mit Blaue Fabrik, schlägt Künstler vor;
Ljuba Schmidt, lädt einen Künstler aus Sant Petersburg ein;
Sylvia Graf, Besucherbetreuung, unterstützt die Aktionen vor Ort;

WuKaMenta – Spielregeln

1. Künstler entwickeln ihre Ideen, reichen Skizzen, Beschreibung und kurze Vita ein.

2. Ortsspezifisch, umräumen, ausräumen, einräumen, aussetzen, Spiel mit Unsichtbarem.

3. Zeitbezogen, die Stimmung einer Probe oder Übungsstunde, es wird nichts vorgeführt.

4. Situationsbezogen, spielen mit Aktion und Stille, mit Etwas und Nichts.

5. Prägen, auf dem Platz ein anderes Bild, drei Tage auf dem Platz präsent sein.

6. Multiplizieren, Irritieren, was Neues probieren, keine fertigen Produkte.

7. Intervenieren statt agieren, ungewöhnliche Strategien im öffentlichen Raum.

8. Keine Verletzung des Bodens, des Luftraumes, die Kunst ist ausgesetzt, nicht versichert.

9. Die Künstler übernehmen weitere Aufgaben im Rahmen des Projektes.

10. Jeder ist für seine Ideen selbst verantwortlich.

Das Lügenmuseum entpuppt sich als das Wahre DDR Museum in Radebeul

Nach der Schließung des DDR Museums in Radebeul übernimmt das Lügenmuseum nun diese Rolle. Auch wenn das Lügenmuseum nicht in die Kategorie der Ostalgie gehört, können die Besucher authentische DDR Geschichte erleben: die Poesie des Untergrunds, die kostbaren Eigentümlichkeiten der ausgegrenzten Kunst, die unkonventionellen Ideen der ostdeutschen Subkultur. Sie verweisen auf die Hoffnungen und die Verzweiflungen stellvertretend ausgegrenzter Jugendlicher, auf die Macht der Phantasie im Angesicht der Zensur.

Nach einer Einführung und einem Lügentee beginnt der Rundgang durch die zehn Räume. Der Raum „Atelier eines Dissidenten“ zeigt die Notstandskreativität der Mangelwirtschaft, der Raum „Vittoriale der Ostdeutschen“ die produktive Verwirrung einer sinnverweigernden Kunstproduktion, der Raum „Grüße von Überall“ das Unbehagen vor und nach dem Mauerfall und der Raum „Seit bereit“ ausjurierte Kunstwerke, Manifeste und Pamphlete. Dank einer Förderung der Stiftung Aufarbeitung wird dieses Jahres eine neue Rauminszenierung „Interieur Underground“ entwickelt. Der Raum wird Kunstwerke und Geschichten ausgegrenzter Künstler und der subkulturellen Szene in Ostdeutschland präsentieren.

Der poetische Lügner verweist mit dem „Wahren DDR Museum“, und dies gehört zu seiner Raffinesse, auf die Ursprünge der Poesie. Ob sinnlose Weihnachtsgeschenke oder Wahres DDR Museum, das meiste ist gar nicht irgendwie gemeint, will an gar nichts mehr erinnern, hat die Erinnerung an sich selbst fast aufgegeben und kreist als nutzloses Spielwerk lächelnd um sich selbst. Man kann spüren, wie die irrwitzigen Zusammenstöße im eigenen Kopf Funken schlagen.

Das Lügenmuseums ist das Chamäleon unter den Museen im Elbtal, ein unterhaltsames Ausflugsziel für die ganze Familie.

Im historischen Tanzsaal ist bis 1. April die Ausstellung WuKaMenta – 100 Jahre DaDa mit 22 zeitgenössischen Künstlern zu sehen.

Richard v. Gigantikow

Beitragsfoto: André Wirsig

RiRaRutsch zur DaDa-Dekade

Ausstellung von Richard von Gigantikow zur DaDa-Dekade 2012-2022 13.1. bis 22.2.2017 in Weimer, C.Keller & Galerie Markt 21 e. V. 

Zahlreiche Besucher fanden sich am Freitag, den 13. Januar, zur Eröffnung des 6. Themenjahres der Dada-Dekade und der Ausstellung des Ideenmillionärs Richard von Gigantikow (Lügenmuseum Radebeul) in der Weimarer Galerie Markt 21 ein. Während die Dekade 2017 unter dem Motto “Reformation, Revolution, Reklamation” steht, gab der ausstellende Künstler seiner Präsentation den Titel “RiRaRutsch”.
Die Performance “Neujahrsempfang” nahm deshalb in vielfältiger Hinsicht Bezug auf den Buchstaben R. Sie begann –als Brückenschlag zum Cabaret Voltaire in Zürich 1916 – mit Hugo Balls Gedicht “Gadji beri bimba” und erinnerte mit dem Drama “Er-nest” an den Organisator des Weimarer Dada-Kongresses 1922 Theo van Doesburg (alias I. K. Bonset). Die japanische Dada-Botschafterin Norico Kimura löste mit ihrer Interpretation des onomatopoetischen Gedichts “Die Nachtigall” (1822) von Johann Matthäus Bechstein Beifallsstürme aus und trat damit zugleich den klingenden Beweis an, dass der Thüringer Ornithologe einer der Ur-Väter des Dadaismus ist.
Für ein furioses Finale sorgte Michael von Hintzensterns “Etüde in Ré”, in der die einzelnen Buchstaben der Namen Martin Luther und Wladimir Iljitsch Lenin als Klangmaterial dienten und zu einem eruptiven dadaistischen Klanggeflecht verdichtetet wurden. Norico Kimura (Stimme), Daniel Hoffmann (Trompete), Michael von Hintzenstern (Harmonium) und der bestens aufgestellte Absurde Chor Weimar steurten dabei einen ekstatischen Höhepunkt an, bei dem das Publikum mit Sprechhören einbezogen wurde: vladi-mir, vladi-mich: vladi-dir, vladi-dich: Spie-gel, Gas-se; Wod-ka Tas-se.

Fotos: Maik Schuck

LABYmania–Bilderclown & Hoffotograf

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Eröffnung: 29. Dezember 2016, 18 Uhr im Glashaus der Landesbühnen Sachsen

Musik: Jan Heinke

Sich dem Werk des Objektkünstlers Reinhard Zabka zu nähern, kommt dem Gang durch ein Labyrinth sehr nahe. Lange Jahre entwickelte er seine Arbeiten aus Protest gegen das bürgerliche Leben in der DDR und wurde von den Behörden permanent unterdrückt. Und auch heute will er die Menschen dazu anregen, „um die Ecke zu denken“, in seinen Objekten und Labyrinthen hinter der vermeintlichen Lüge, die Wahrheit zu entdecken. Schon sein Lebensweg ist keineswegs geradlinig. Er begann in Erfurt, wo er 1950 geboren wurde, ging über Berlin, Babe und Gantikow in Brandenburg bis nach Radebeul, wo er das Lügenmuseum seit 2012 im alten Gasthof Serkowitz betreibt.
Bereits seit 1999 ist er Meister des „Feurigen Finales“ zum Herbst- und Weinfest in Altkötzschenbroda. Und mit dem Labyrinth aus Altholz gestaltet er seit 2000 einen Anziehungspunkt, der allein am Sonntagabend 10.000 Besucher begeistert.
Mit dem Radebeuler Fotografen, André Wirsig, hat Reinhard Zabka einen kongenialen Partner gefunden, der seit 2000 die Entstehung des Skulpturenlabyrinthes auf den Elbwiesen, die Begeisterung der Besucher und die Faszination des „Finale Grande“ mit seiner Kamera begleitet und in eindrucksvolle Bilder umgesetzt hat.

Ausstellung bis Ende Februar 2017

Zwischen Wahrheit, Lüge und altem Krempel.“ ° Von Nina Schirmer ° Sächsische Zeitung ° 30.12.2016

Beitragsfoto: Annelie Brux

Interior Underground — Raumgestaltung und Katalog

Interior Underground ist der Titel einer geplanten Rauminszenierung im Lügenmuseum Radebeul. Sie soll Kunstwerke randständiger und ausgeblendeter Bildender Künstler der DDR zeigen. Diese Rauminszenierung und die dazugehörige Publikation sollen Einsichten in die ästhetischen Ausdrucksformen subkultureller Künstler einschließlich bilderstürmerischer Installationen der friedlichen Revolution in Ostdeutschland aus dem Zeitraum 1968 bis 1990 vermitteln.

Der Raum Interior Underground ist als Bestandteil des Rundganges durch die Dauerausstellung des Lügenmuseums gedacht. Der neue Raum möchte das Thema vertiefen und reiht sich thematisch zu den Räumen Atelier eines Dissidenten, Kathedrale des Sozialismus, Grüße von Überall und immer bereit. Der Eintritt erfolgt im vierten Ausstellungsraum des Lügenmuseums durch einen Schrank und eine schmale Pforte in ein verborgenes Hinterzimmer. Dies gibt dem Raum eine konspirative Atmosphäre.
Die Aktivisten der friedlichen Revolution konnten mit ihren Kulturtechniken und überzeugendem inneren Gewicht die Herzen der Menschen erreichen. Nach der ersten Euphorie des Mauerfalls aber waren sie auf der Verliererseite gelandet. Ihre unabhängig entwickelten Kunstformen waren unscheinbar und nicht besonders spektakulär im Rahmen der unzähligen neuen Eindrücke. Ihre Hoffnung, dass diese eigene Sprache und Kultur in dem vereinten Deutschland gewürdigt und einbezogen werde, wurde enttäuscht. Heute spürt man in Ostdeutschland den Mangel eigener Kultur und Identitäten.
Der Raum erzählt die Geschichte ausgegrenzter und randständiger Künstler, in einem politisch obsoleten System. Die Besucher können die Um- und Aufbrüche in autobiografischen Objekten, Episoden voller Energie und Verzweiflung erleben und wie es ihnen gelang zwischen Wut, Spaß und Träumen nicht gebrochen zu werden. Sie erfahren etwas über die Art, wie sie mit Herausforderungen umgingen und wie sie ihren Weg bis heute fanden.
In dem Raum wird Zeitgeschichte lebendig und berührend, wie sie sonst kaum greifbar wird. Mit dem digital aufbereiteten Material wird eine Wanderausstellung gestaltet. In dem geplanten begleitenden Katalog werden Ausstellungsobjekte mit kurzen Geschichten in Beziehung gesetzt und können im Geschichtsunterrischt eingesetzt werden. Darin wollen wir kleine spritzige Geschichten mit Bis erzählen, um sie nicht zu vergessen.

Für die Raumgestaltung Interieur Underground erhielten wir eine Zusage der Stiftung Aufarbeitung. Dazu soll es einen Katalog und eine Wanderausstellung geben. Wer kurze Geschichten von Lebenssituationen und Fotos von Räumen oder Installationen randständiger oder/und ausgegrenzter Künstler beisteuern will, antworte unter obigem Stichwort an info@luegenmuseum.de

26.11.2016 – DaDa wird 100 Jahre jung!

DaDaMenta trifft WuKaMenta

100 Jahre DaDa – die Geburtstagsfeierlichkeiten eröffnen das Lutherjahr!

26. 11. 2016 um 19 Uhr, Lügenmuseum Radebeul, der Eintritt ist frei

In Zürich wurde das Jubiläum der antikünstlerischen Bewegung DaDa groß gefeiert. Im Elbtal blieb es ruhig, Pegida wurde als dadaistische Bewegung nicht anerkannt. Nach Luther, der die deutsche Schriftsprache einführte und der freikirchlichen Reformbewegungen im 19. Jahrhundert, folgte DaDa, als dritte Welle des reformfreudigen Christentums. Anfang des 20 Jahrhunderts befreite DaDa der Sprache vom Sinn. Beuys erweiterte den Kunstbegriff, Zabka erweiterte das Museum und Dario Fo spielte lieber auf öffentlichen Plätzen. DaDa ist antikünstlerische Geste, raumfüllende Ausstellungsästhetik und aufwühlende Geisteshaltung mit Biß, sie findet im Lügenmuseum den befruchtenden Rahmen.

WuKaMenta: ein dreiteiliges Kunstprojekt. Dreiunddreißig Künstlern bespielten im Juni zwei Wochen den öffentlichen Raum, Neumarkt Dresden. Als Baustein der Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit präsentierte die WuKaMenta vor dem Rathaus Dresden einen Beitrag für die Bewerbung um die Kulturhauptstadt 2025. Die Ausstellung WuKaMenta #serkowitz, 100 Jahre DaDa zeigt 20 zeitgenössische Künstler im Lügenmuseum Radebeul.

Pastor Leumund, Performer, dadaistischer Gottesdienst,
Michael von Hintzenstern und Tim Helbig daddeln Kurt Schwitters: „Sonate in Urlauten“ mit Schlagzeug.

Ausstellende Künstler: Perry Argel, Popke Bakker, Jola Brejdack, David Campesino, Silvio Colditz, Getulio Damado, Justus Ehras, Robert Frenzel,Richard von Gigantikow, Michael von Hintzenstern, Frank Hermann, Dorothee Kletzsch, Otis Laubert, Klaus Liebscher, Anna Mateur, Annette Muck, Sebastian Quiroz, Madlyn Sauer, Reinhard Sandner, Rose Schulze, Olaf Spillner, Erwin Stache, Hilla Steinert, André Wirsig.

Beitragsfoto: André Wirsig

Förderer:



 

Hinterland im Kulturhaus Mestlin

Wer Sehnsucht nach dem Lügenmuseum hat: Ein Ausflug in das herbstliche Hügelland, HINTERLAND, ein sympathischer Markt für alle, die ein besonderes Geschenk suchen, das sozialistische Musterdorf Mestlin und das Lügenmuseum im Saal auf einen Streich.

HINTERLAND 2016 — der Marktplatz für Kunst, Mode, Handwerk — im großes Kulturhaus Mestlin, mitten in Mecklenburg. 11.-13. November.

Gute Fahrt nach Mestlin!

Fotos: Reinhard Zabka

Beitragsfoto: André Wirsig

Radebeuler Kunstpreis 2016

Dr. Susanne Köstering, Geschäftsführerin des Museumsverbandes Brandenburg, zur Verleihung des Kunstpreises an Reinhard Zabka am 15. 10. 2016:

„Sehr geehrter Herr Wendsche,

lieber Herr Zabka, liebe Frau Zabka,

Sehr geehrte Festgäste, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,

ich danke für die Ehre, anlässlich der Verleihung des Radebeuler Kunstpreises an Reinhard Zabka eine Laudatio sprechen zu dürfen. Meine kurze Rede besteht aus drei Teilen.

  1. Das Museum

1980 kauft Zabka eine alte Landarbeiterkate in Babe, einem Dorf im abgeschiedenen brandenburgischen Rhinluch. In diesem Künstlerhaus „erträumt“ er das Lügenmuseum als eine Wunderkammer mit skurrilen Objekten, die wie ein kleiner Wanderzirkus auf Wagen und Schlitten umherziehen.

1990 ist das Lügenmuseum dann tatsächlich in der Welt. Und heute ist es hier in Radebeul- Serkowitz.

Das Lügenmuseum spielt mit Wahrheit und Täuschung in einer Welt der Illusion. Wie ich es im Gutshaus Gantikow kennen gelernt habe, bestand es aus der Ausstellung mit Zabkas Kunstobjekten, den Installationen, Video- und Audioinszenierungen, einem im Rahmen internationaler Künstlersymposien und freiwilliger Sommercamps wachsenden Natur- und Kunstgarten, einer Freskogalerie an der Fassade des Gutshauses, die das Museum nach außen zu einem „Hingucker“ machte, und dem Seminarhaus mit Raumgestaltung nach seinen Entwürfen. An vielen Dingen hatten andere Künstlerinnen und Künstler mitgewirkt, aber Zabka führte die Regie.

Eine Besucherin hat das Lügenmuseum einmal als „Wunderhaus“ bezeichnet. Die Kunst- und Wunderkammer des 17./18. Jahrhunderts mit Gefundenem aus aller Welt und aller Zeit ersteht hier immer wieder neu. Alles ist zum Staunen: Ungesehenes, Unerhörtes, Nie Gekanntes. Menschengemachtes und Naturalien werden zu hintersinnig-sinnigen oder auch sinnfreien Objekten, die sich bewegen, die Geräusche und Klänge von sich geben, die leuchten, blinken und funkeln, die rattern, ruckeln, zuckeln oder leise klingeln, wie eigensinnige Wesen oder von solchen bewohnte Gehäuse.

Im Museum erzählt jedes Ding seine Geschichte. Hier führen die Dinge geheimnisvolle Theaterstücke auf, mal schaurig, mal lustig, mal mystisch, dann wieder ironisch – und immer poetisch.

Das ist schon außergewöhnlich und vor allem: erfrischend und inspirierend. Insofern war der brandenburgische Museumsverband immer stolz auf „sein“ Lügenmuseum in Gantikow: Als 1995 dem Verbandsvorstand der Aufnahmeantrag vorgelegt wurde, in dem es hieß: Emma von Hohenbüssow, 122 Jahre alt – ein Abbild zeigte ein italienisches Zwerghuhn – beantragt die Mitgliedschaft für das von ihr 1884 gegründete Lügenmuseum. Da sprang der Leiter des Potsdamer Naturkundemuseums auf: „Hühner können keine 122 Jahre alt werden!“ Schallendes Gelächter, die Aufnahme in die Museumscommunity war besiegelt. Wir haben es nie bereut, sondern im Gegenteil immer Freude an unserem Mitglied Lügenmuseum gehabt. Denn wir brauchen solche Museen, die mit Leichtigkeit Gedanken und Gefühle freisetzen und Neugier wecken.

Bald bemerkten auch die umliegenden Gemeinden, dass sie vom Zustrom der Museumsbesucher profitierten, nicht allein in Hinblick auf die Frequentierung von Herbergen und Gasthäusern in der Umgebung, sondern auch – so erstaunlich es auf den ersten Blick scheint – auf das Image der ländlichen Region. Diese barg plötzlich einen überraschend kreativen, offenen Raum, der gastfreundlich war und die Phantasie anregte. Nicht wenige Besucher verließen das Haus mit einem Schmunzeln und einer Heiterkeit, die lange nachwirkte. Und empfahlen es Freunden und Bekannten weiter. Man musste es einfach gesehen haben und dorthin pilgern.

  1. Wanderschaft

Die Wanderschaft zieht sich wie ein Roter Faden durch die Biografie des Lügenmuseums.

In Babe 1990 gegründet, zog es sieben Jahre später nach Gantikow und wiederum 14 Jahre später nach Radebeul. Traut man der mathematischen Reihe, wird es hier wohl 28 Jahre lang bleiben und dann weiterwandern.

Die Wanderschaft wohnt auch den Kunstwerken selbst inne: Oftmals sind es mobile Objekte, auch Reiseattribute wie Koffer, Wanderapotheken oder Wanderschuhe (Fontane!). Sie erzählen Geschichten von glücklichen Überfahrten oder Schiffbrüchen, wie Märchenerzähler unserer Lebensreise. Eine wundersame Form nehmen sie als begehbare Labyrinthe an. Labyrinthe leiten durch Irrungen und Wirrungen zur Mitte. Als ich 2009 das „Labyrinth der Wende“ in der St.-Marien-Kirche in Frankfurt/Oder sah, das Zabka zusammen mit anderen Künstlern gebaut hatte, war ich wie bezaubert. Aus banalen Obstkistenbrettern und Palettenholz (rosa angestrichen, Brandschutzfarbe!) hatte er ein fragiles Gebilde geschaffen, das wie selbstverständlich durch das Kirchenschiff mäanderte und den Fluss der flanierenden Menschen begleitete. Auch den Dachboden des kleinen Stadtmuseums in Eberswalde verwandelte er 1989 zeitweise in ein Labyrinth der Erinnerung: Die Menschen waren fasziniert. Diese Labyrinthe existieren nur für kurze Zeit. Unter offenem Himmel gehen sie schließlich furios in Flammen auf. Werden und Vergehen.

Die Wanderschaft prägt auch das Leben des Künstlers Reinhard Zabka alias Richard von Gigantikow: geboren 1950 in Erfurt als Sohn von Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen, entwickelt er sich ab 1968 schnell zum Oppositionellen. Seine Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt: Er darf Erfurt nicht verlassen, muss sich wöchentlich bei der Polizei melden. Die Bewegung der evangelischen Kirche von unten bietet zeitweise Heimat, auch Freunde, mit denen er eine fiktive Kommune gründet. Er will ausreisen, aber sein Ausreiseantrag wird abgelehnt. Er verlegt seinen Wandertrieb in Kopf und Hand und beginnt zu malen. Zieht 1976 nach Berlin und teilt sich mit seinem künstlerischen Freund Albrecht Hillemann ein Atelier, sie experimentieren mit Siebdruck und bauen Skulpturen aus Fundsachen. Seit Mitte der 80er Jahre geht es los mit Straßenfesten, Straßenkunstaktionen, illegalen Veranstaltungen. Zabka hat nun sein eigenes Atelier, er macht mit beim Bödikerclub im Friedrichshain, gründet den „Club ohne Raum“, entwickelt sich zum subversiven Kunstjudoka. Während einer kurzen Zeit als Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR beteiligt er sich – mit anderen randständigen Künstlern – an einer Bezirkskunstausstellung am Alexanderplatz, und an weiteren Ausstellungen in Berlin, Dresden und Frankfurt/Oder. 1985 nimmt er an einer Personalausstellung  teil, die vom Evangelischen Kunstdienst organisiert wird, und stellt im Treppenhaus des Berliner Doms seine Installation „Götzen – Ismen – Fetische“ auf. 35.000 Besucher sehen das. Wenn er sich am Ende der DDR an Ausstellungen beteiligen durfte, dann nicht, weil die Staatsvertreter liberaler wurden, sondern weil sie die Übersicht verloren hatten,  wie ein Beobachter einmal feststellte. Sie merkten, dass seine Kunst subversiv war, konnten aber das Subversive darin nicht richtig dingfest machen.

Nach 1989 kann er endlich zum Weltkünstler werden, der er eigentlich immer schon war.

Die lange erträumte Reise nach Bali ist die Initialzündung für seine nunmehr globalen Aktivitäten. Von seinem Basislager Lügenmuseum aus zieht er durch die Welt. Er stellt in Indonesien, Thailand, Burma, Italien, Frankreich und auf den Philippinen aus und veranstaltet dort gemeinsam mit lokalen Künstlern soziale Kunstaktionen im öffentlichen Raum. Inspirationen aus anderen Weltgegenden bringt er nach Deutschland zurück, zum Beispiel auf den Neumarkt in Dresden, wo sich im vergangenen Sommer zum ersten Mal die „WuKaMenta“ niederließ, eine künstlerische Interaktion mit Menschen im öffentlichen Raum.

  1. Das Ziel der Reise

Zabkas Kunst kreist um Menschheitsthemen: das Rätsel, das Geheimnis, die Erinnerung, die Illusionen des Lebens und die Beseeltheit der Welt, und nicht zuletzt die Heiterkeit, die Freude.

Seine Kunst erreicht deshalb Menschen aller Weltgegenden, aller Altersgruppen und aller sozialen Milieus. Auch wer seine Kunst nicht versteht, öffnet ihr sein Herz. Sie setzt nicht nur die Phantasie der Betrachtenden frei, sondern auch deren eigene Gewitztheit.

Kürzlich konnte ich das live verfolgen. Zabkas Installationen waren zu Besuch im Berliner Martin-Gropius-Bau (Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“). Ich habe die Besucher im Gropius-Bau beobachtet. Sie bildeten in der betreffenden Raumecke einen kleinen Pulk, schauten, staunten, lächelten, hielten inne. Hielten lange inne. Hielten sehr lange inne. Sie zeigten alle Merkmale konzentrierter Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit der Betrachter als das Ziel des Museums.

Die künstlerische Reise führt am Ende in den Geist und in das Herz der Betrachtenden.

Und da kommen Sie an. Dafür danke ich Ihnen, Herr Zabka, und ich gratuliere Ihnen herzlich zu  Ihrer heutigen Ehrung.“

Radebeul, 15. 10. 2016

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Laudatio von Dr. Susanne Köstering, Geschäftsführerin des Museumsverbandes Brandenburg. Foto: André Wirsig

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Musikalische Umrahmung durch Inéz Schäfer und Jan Heinke als Sammeltonium Wunderland. Foto: André Wirsig

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Verleihung des Kunstpreises der Großen Kreisstadt Radebeul an Reinhard Zabka am 15. Oktober 2016 im Weinkeller auf Schloss Wackerbarth. Foto: André Wirsig

Verleihung des Kunstpreises der Großen Kreisstadt Radebeul an Reinhard Zabka am 15. Oktober 2016 im Weinkeller auf Schloss Wackerbarth. Foto: André Wirsig

Fotos: André Wirsig​

Editorial 11-16 Von Ilona Rau. Vorschau & Rückblick Nov. 2016

Kulturpreis für Gründer des Lügenmuseums. Vom Nina Schirmer. Sächsische Zeitung 14.10.2016

Der Ideenmillionär aus Radebeul. Von André Schramm. Wochenkurier 19.10.2016