»Mach aus Deiner persönlichen Scheiße öffentliches Gold«, diese Motte von Georg Tabori scheint auch für Richard von Gigantikow mit seinem Lügenmuseum eine Leitplanke zu sein.

Ferienaktion: vom 12. Februar – 23. Februar ist das Lügenmuseum täglich geöffnet

Untersuchungen der University of London konnten verblüffende Beweise darüber erbringen, wie Emotionen den Entscheidungsprozess beherrschen. Der Londoner Forscher Benedetto de Martino erkannte in seinen Untersuchungen, dass beim »Framing-Effekt« unsere Entscheidungen stark davon abhängen, wie uns etwas präsentiert wird. Die gleiche Botschaft kann in unterschiedlicher Verpackung unterschiedliche Wirkungen hervorrufen. Dieser »Framing-Effekt« widerspricht allen ökonomischen Vorstellungen menschlicher Rationalität.

Porträt von Reinhard Zabka hinter dem Objekt »Scherben des Serkowitzer Wirtes«
(c) Foto: Jan Oelker , 2014

Dies nutzt der Künstler Richard von Gigantikow in seinem künstlerischen Schaffen. Er liegt hinterm Busch im Hinterhalt und lauert auf alternative Fakten. Bei der Erkundung seiner Werke findet sich der Betrachter oft in einer Welt zwischen Traum und Alptraum wieder. Diesmal im Streit mit der Sächsische Landesstelle für Museumswesen. Das Lügenmuseum wurde abgelehnt, als verzerrte Linse einer historisch aufbereiteten Kulturgeschichte der Lügen und klagt nun gegen den Freistaat. Oliver Rump, Professor für Museumsmanagement von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, kann die Entscheidung der sächsischen Landesstelle nicht nach vollziehen. Nach Meinung des Professors ist das Lügenmuseum ganz klar ein Museum. Mehr noch: »Richard von Gigantikow ist ganz dicht dran am Ursprung der heutigen Museen.“ Denn er habe eine Art Wunderkammer geschaffen, die an ein Kuriositätenkabinett erinnert, welche die ersten Museumsformen überhaupt waren.

Ab jetzt gibt es keine Lügen mehr, es gibt nur noch Fake News. So verhilft uns das Lügenmuseum zu dem Lachen, das wir brauchen, um den Wahnsinn dieser Zeit auszuhalten. Es eignet sich als Familienausflug, als Geburtstagseinlage, zum durchsortieren der Gehirnwindungen und als künstlerischer Waschsalon. Und alle Besucher sind eingeladen, sich selbst ein Bild von der Lüge – Verzeihung: von der Lage – zu machen.

Reinhard Zabka

PRESSESPIEGEL:

Radebeuler Museum: Kein Museum!

André Schramm, WochenKurier, 7. Februar 2018

Lügenmuseum finanziell in Bedrängnis
Nina Schirmer, sz-online.de, 8. Februar 2018

Die Lüge im Dienste der Wahrheit
yesterdaymorning, steemit.com, 2. Februar 2018

Lügenmuseum wird nicht als Museum anerkannt
Nina Schimer, Sächsische Zeitung, 1. Februar 2018

Ab jetzt wird nicht mehr gelogen – es heißt Alternative Fakten!
Ferienaktion 12. Februar – 23. Februar ist das Lügenmsueum täglich geöffnet

Pünktlich zur fünften Jahreszeit zelebriert das Lügenmuseum als »Kultur-Forum für Alternative Fakten«, dass hundert Achtziggradwendungen parallel erscheinen, und garantiert vollen Genuss bei vollem Eintrittsgeld. Der wunderbare Name Lügenmuseum (der Legende nach bereits 1884 gegründet) hat 28 Jahre bestanden und wurde in den Medien gefeiert. Dass dieser Name nun aufgegeben werden soll bedauern viele Fans. Die Sächsische Landesstelle für Museumswesen SKD entschied, nach fünf Jahren Bearbeitung, dass es sich beim Lügenmuseum um kein Museum handelt. Sie vermutete, dass es sich um eine verzerrte Linse handelt, eine historisch aufbereitete Kulturgeschichte, untermauert durch eine Lügensammlung.

Muss das Lügenmuseum sich nun umbenennen?

In nutzlosen Absurdität einer schier schrankenlosen Maßlosigkeit setzt das Lügenmuseum noch eins drauf und nennt sich, solange es nur sinnlos genug ist – um die Welt zu retten: »Kultur-Forum alternativer Fakten«. »Alternative Fakten«, Unwort des Jahres 2017, sorgt für die nötige Negativwerbung, die allein mit einem sanierungsbedürftigen Gebäude nicht zu erreichen wäre. Negativwerbung nutzt den »Frame Effekt«, der auch funktioniert, denn alle Betrachter dieser Werbung zeigen auf jeden Fall irgendeine emotionale Reaktion. Mit dem Ambush Marketing (engl. Hinterhalt) setzt es sich in Szene. Der Jäger liegt am Busch und lauert auf Alternative Fakten. Auch wenn das Ganze verdächtig klingt, sind Ambush Maßnahmen wie Bankgeschäfte nur in Ausnahmefällen illegal – sie sind schlicht alternativlos.

Mit seinen fiktionalen Welten reibt sich der Künstler Richard von Gigantikow an deutschen Großprojekten. Das »Wahre Deutsch Historische Lügenmuseum« torpediert die Idee Helmut Kohls eines DHM, der »Zentralfriedhof für Investruinen« nimmt das Debakel BER aufs Korn, die WuKaMenta, das Wunderkammerfestival auf einem der größten innerstädtischen Plätze von Dresden setzte sich 2016 und 17 mit den gesellschaftlichen Spannungen im öffentlichen Raum auseinander und das »Kulturforum für alternative Fakten« ist die Vorwegnahme der Vollendung des Humbold-Forums mit fünf Generaldirektoren.

Eine Probefahrt wird Sie überzeugen. Das Lügenmuseum ist der Kontrapunkt, den wir brauchen, um den Wahnsinn dieser Zeit auszuhalten.

Reinhard Zabka

Foto: André Wirsig

Lügenmuseum finanziell in Bedrängnis
Nina Schirmer, sz-online.de, 8. Februar 2018

Ab jetzt wird nicht mehr gelogen – es heißt Alternative Fakten!

PROVINZPOSSE ODER KUNSTSKANDAL?

Die Sächsische Landesstelle für Museumswesen der SKD bescheinigte dem Lügenmuseum, dass es sich um kein Museum handelt. Es erfülle nicht die Kriterien der ICOM Richtlinie: vom Internationalen Museumsrat ICOM (International Council of Museums) entwickelte weltweit geltenden »Ethischen Richtlinien für Museen« (Code of Ethics for Museums). Sie bilden die Grundlage der professionellen Arbeit von Museen und Museumsfachleuten.

Die Sächsische Landesstelle für Museumswesen verwies das Lügenmuseum bezüglich einer Steuerbefreiung an das Regierungspräsidium des Freistaates Sachsen. Diese verwies es wieder an die Landesstelle zurück, da es sich um ein Museum handelt.

Die Bewerbung des Lügenmuseums um den Sächsischen Museumspreis war wohl Anlass, dass die Sächsischen Museumsstelle im Sommer 2017 tätig wurde, nach fünf Jahren Bearbeitung entschied sie, dass es sich beim Lügenmuseum um kein Museum handele und lehnte zugleich eine Steuerbefreiung ab. Bei der folgenden Steuersonderprüfung wunderte sich der Prüfer, dass zwei gleichrangige Behörden zu derart unterschiedlichen Urteilen kommen konnten.

Im Land Brandenburg erhielt das Lügenmuseum für seine Einnahmen eine Steuerbefreiung §4 UstG. Das Ministerium des Landes Brandenburg fragte Mindeststandards ab und stellte eine Bescheinigung aus. Es handelt sich um ein Kunstmuseum, welches in der Brandenburgischen Museumslandschaft einzigartig, beispielhaft und sehr geschätzt wird.

Herr Prof. Dr. Dr. Walz, Vorstand ICOM Deutschland, erläuterte im Sächsischen Museumsbund: »Anspruch und Wirklichkeit: Können kleine Museen alle musealen Kernaufgaben bewältigen?«, dass die ICOM kein Ausschlußkriterium, sondern eine ethische Handreichung sei. Er empfahl der Behörde, Mindeststandards für Museen zu entwickeln.

Was machen die Betreiber des Lügenmuseums nun, um eine Steuerbefreiung in Sachsen zu erhalten? In nutzlosen Absurdität einer schier schrankenlosen Maßlosigkeit setzt das Lügenmuseum noch eins drauf und gibt sich einen neuen Namen, solange er nur sinnlos genug sind – um die Welt zu retten: »Kultur-Forum alternativer Fakten« oder »Fake News Theater«. So wird das Lügenmuseum der Kontrapunkt, den wir brauchen, um den Wahnsinn dieser Zeit auszuhalten.

Reinhard Zabka
Foto: André Wirsig

Die Lüge im Dienste der Wahrheit
yesterdaymorning, steemit.com, 2. Februar 2018

Lügenmuseum wird nicht als Museum anerkannt
Nina Schimer, Sächsische Zeitung, 1.Februar 2018

Globe Theatre in Kannerwurf.
Foto: Reinhard Zabka

LügenLÄTTA  2017

Dankbar blicken wir auf das vergangene Jahr. Im Februar durfte ich die paradiesische Atmosphäre des ESC bei Chiangmai/Thailand genießen. Dort entwickelte ich neue Konzepte, welche Juliane Vowinckel und Thomas Gerlach begleiteten. Mit Tom, Schattenspielerin, boten wir einen Workshop für die Homeschool Kinder an.

WuKaMenta 2017 unter dem Motto »Anders Leben aber wie?«. Foto: André Wirsig

Der Rahmen der Internationalen Bauausstellung Thüringen führte uns im Mai auf einen Acker außerhalb des Dorfes Kannawurf an der thüringischen Pforte. Als Land-Art-Projekt »Feldversuch« bauten wir ein Theater nach Plänen des ersten europäischen Volkstheaters, des Globe Theatre.

Ilse (links) & Margarete »Sprechstunde für die Kunst des Zusammenlebens«. WuKaMenta 2017. Foto: André Wirsig

WuKaMenta, das Wunderkammerfestival auf dem Neumarkt, einem der größten innerstädtischen Plätze von Dresden setzte sich 2017 mit den gesellschaftlichen Spannungen im öffentlichen Raum auseinander. 33 Künstler wirkten mit neuen Ideen im »Museum ohne Dach«. Wunderkammern und Galerien als lebendige Objekte beflügelten die Interaktion zwischen Akteuren und Passanten.

Reparaturwerk*statt Demokratie. Radebeul 2017. Foto: Reinhard Zabka

Mit Thomas Herbst und Jan Heinke setzten wir uns im Juli 10 Tage dem Schaubudensommer aus.

Der stadtbekannte Skulpturengarten zum Weinfest in Radebeul wird seit 18 Jahren als Labyrinth von tausenden Besuchern gefeiert und endet in einem feurigen Spektakel. Dieses Jahr als Pop up Country LABYSTAN. Es erschien so unvorhersehbar wie ein Pop up Fenster auf einem Computerbildschirm. Als Reparaturwerkstatt Demokratie bot es eine Spielwiese für demokratisches Bewusstsein und belebte den Gemeinsinn. Inzwischen haben wir mehr als 1000 Labystaner Bürger.

Im Oktober eröffneten wir die Ausstellung Poetische Orte, das waren 22 Künstler mit ihren eigenen Museen und Institutionen. Gemeint sind nicht solche Investruinen des »Dr. Ludwig«: https://www.youtube.com/watch?v=P634_5Y2tJQ

Labystan beim Herbst- & Weinfest Radebeul. Foto: Reinhard Zabka

Natürlich verstehen wir, dass etliche Bürger mit Lügen nichts zu tun haben wollen. Uns geht es aber nicht darum, besser zu lügen. Die Unterscheidung zwischen vorsätzlicher Täuschung und ungenauer Interpretation der Wirklichkeit gab es in der Antike nicht. So gesehen ist die Lüge eine europäische Erfindung des mittelalterlichen Abendlandes. In unserem Diskurs geht es eher im Sinne von Picasso: »die Kunst ist eine Lüge, die uns helfe die Wahrheit zu erkennen, aber eben als Lüge«, das heißt, wir befinden uns immer auf schwankendem Boden.

Schaubudensommer 2017. Jan Heinke.
Foto: André Wirsig

Zahlreiche Kooperationspartner konnte wir gewinnen: Stiftung Frauenkirche, Dresden Respekt, Verkehrsmuseum, KulturAktiv, Ostrale, Galerie Raskolnikow, Universitas im Bauernhof Goßberg e. V., Kunsthaus KuKuLida, Stadt Dresden, Stadt Radebeul, HfBK, Dresden für Alle, Stadtmarketing, Kulturinsel Einsiedel, Blaues Haus, Galerie »Hole of Fame«, Kulturbüro Dresden, Osterbergstiftung, ipunct.de und viele andere.

Schaubudensommer 2017. Thomas Herbst.
Foto: André Wirsig

Der Kunst der Lüge e. V. lud im Dezember zu einer offenen Runde ein. Weiterhin bieten wir einen spannenden Austausch und interessante Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und prozessuale Interventionen im öffentlichen Raum. In diesem Rahmen können Interessenten mitwirken und den Künstlern begegnen. Für den Erhalt des Gasthofs Sekowitz bitten wir um Mitwirkung.

Hartmut Dorschner zur Eröffnung Interieur Underground. Foto: André Wirsig

Dann eröffneten wir Interieur Underground, ein neuer Ausstellungsraum der Dauerausstellung des Lügenmuseum. Hinter einem Bücherregal treten die Besucher in eine konspirative Kunstsammlung, die, der Legende nach, 1992 bei Sanierungsarbeiten in einem barocken Haus in Erfurt entdeckt wurde. Dazu gab es 10 aktuelle Künstlerplakate und einen Katalog mit ’89 Geschichten ausgegrenzter Künstler.

»Zieh die Register – Mixt einen eigenen Sound. Geräusche aus der DDR« von Justus Ehras und Reinhard Zabka. Interieur Underground. Foto: André Wirsig

Die Sächsische Museumsstelle lehnte unseren Antrag auf Steuerbefreiung als Museen ab und wertete uns als performatives Gesamtkunstwerk. Knapp verfehlte das Lügenmuseum den Sächsischen Museumspreis. Die Bundeszentrale für Politische Bildung schlug die WuKaMenta für den Preis für Kulturelle Bildung vor. Zum Jahresende gab es wieder eine Pilgerbewegung nach Radebeul. Alle Welt wollte ihre über Bord geworfenen Vorsätze des vergangenen Jahres gegen Neue einzutauschen.

Folgt Euren Sternen rutscht gut ins neue Jahr voll positiver Wandlungen.
Wünschen Dorota und Reinhard

Skulpturengarten LABYSTAN beim Herbst- & Weinfest Radebeul 2017. Foto: André Wirsig

Zur Ausstellungseröffnung (9. Dezember 2017) Interieur Underground im Lügenmuseum in Radebeul-Serkowitz gab es ein Redebeitrag aus der kunsthistorischer Sicht von Teresa Ende,
ein Beitrag von Thomas Gerlach, der die Katalog Texte mit bearbeitet hat, und ein Beitrag aus der Perspektive der Subkultur von Historikerin Katharina Lenski.
Einen künstlerischen Beitrag haben Gunhild Kreuzer (Performance) und Hartmut Dorschner (Saxophon) geliefert. Ulli Saxe hat DDR-Geräusche musealisiert.

Der Zugang erfolgt im siebenten Ausstellungsraum durch eine schmale Pforte hinter einem Bücherregal in das nachgebaute konspirative Hinterzimmer.

Fotos: André Wirsig

Zeugnisse vom aufrechten Gang im Untergrund. Neuerscheinung: »’89 Geschichten der Friedlichen Revolution« in DDR
Michael von Hintzenstern, GLAUBE + HEIMAT, Nr. 3 vom 21. Januar 2018

Interieur Underground `89 von Thomas Gerlach, Vorschau & Rückblick, 1. Januar 2018

Die Lüge ist ewig, weil sie wahr ist. Sonderausstellung und Katalog mit Geschichten von 1989 im Lügenmuseum von Ralf Nachtmann, jot w.d., 1/2018 — Ausgabe 257

Interieur Underground. Kunst der Subkultur in der DDR der 1980er Jahre Museumsblätter, Dezember 2017, S. 52-59

Zeitreise in die Künstlerszene der DDR von Lilli Vostry, Sächsische Zeitung, 13. Dezember 2017

Interieur Underground: Lebendige Zeitreise in die Subkultur der DDR von Lilli Vostry, meinwortgarten.com, 10. Dezember 2017

Underground-Künstler der DDR bekommen in der Lössnitzstadt einen eigenen Raum von Silvio Kuhnert, DNN, 8. Dezember 2017

Erfurter Sammlung von Kunstwerken wird Teil einer Dauerausstellung von Lydia Werner, Tühringer Allgemeine, 6. Dezember 2017

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Pressemitteilung vom 7. Dezember 2017

Interieur Underground öffnet im Lügenmuseum Radebeul

Am 9. Dezember 2017 eröffnet im Lügenmuseum Radebeul ein neuer Ausstellungbereich. In Interieur Underground werden ausgegrenzte Künstler der DDR, ihre Wirkungsräume und Arbeiten vorgestellt. So unterschiedlich ihre Kunst auch war, verband die Underground-Künstler eines: der Mangel an Ausstellungsmöglichkeiten. Deshalb schenkten sie sich gegenseitig ihre unverkäuflichen Werke, die so zu beachtlichen Kunstsammlungen anwuchsen. Eine dieser Sammlungen wird nun als Interieur Underground im Lügenmuseum Radebeul präsentiert. Der Eintritt in den Bereich erfolgt durch eine schmale Pforte hinter einem Bücherregal, wie in ein konspiratives Hinterzimmer.

Die Sammlung gibt Werken randständiger DDR-Künstler und der DDR-Subkultur Raum und bietet ausgeschlossener Kunst eine Präsentationsfläche. Zum neuen Ausstellungsraum erschien ein Ausstellungs-Katalog, in dem Künstler aus der DDR anhand von Alltagsdingen über Ausgrenzung und Verfolgung berichten. Aktuelle Künstlerplakate runden die Texte ab. Gefördert wurde das Projekt von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Plakatgestaltung: Gabriele Stötzer, 2017

Die Underground-Kunstszene war nicht auf die Masse ausgerichtet, sondern entwickelte als Gegenkultur eigene. „Künstler der Subkultur lehnten das Sichfügen etablierter Künstler in die gesellschaftlichen Formen ab. Ihre Taktlosigkeit war ein in der Kunst äußerst schöpferischer Faktor. So griff der Underground als Avantgarde die etablierte Kunst öffentlich an und sprach dieser die künstlerische Qualität ab“, erklärt Museumschef Reinhard Zabka.

Lutz Rathenow, der Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, kommentiert das spannende und mitten im Dresdener Bilderstreit weitsichtig daherkommende Projekt wie folgt: „Kunst kommt vom Können, sagen oft die, die mit neueren Arten der Kreativität nicht klar kommen und das Können der Protagonisten bezweifeln. Kunst könnte auch vom Gönnen angeregt werden, von einer Art Neugier und Großzügigkeit, die dem anderen mehr als die Vervielfältigung eigener Haltungen zutraut“.

Interieur Underground wird am 9. Dezember 2017 um 18 Uhr im Lügenmuseum, Kötzschenbrodaer Str. 39, in Radebeul eröffnet. Es sprechen die Kunsthistorikerin Theresa Ende, der Autor Thomas Gerlach sowie der Museumsdirektor Reinhard Zabka. Daneben erwartet die Besucher ein musikalisches Programm des Performance-Künstlers Ulli Sachse und des Saxophonisten Hartmut Dorschner.

Dr. Nancy Aris

Stellvertretende Landesbeauftragte
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Pressemitteilung vom 6. Dezember 2017

Sensationeller Fund – Neuer Ausstellungsraum in der Dauerausstellung Lügenmuseum

Im April 1992 ahnte niemand, dass der Anruf des Künstlers Albrecht Hillemann aus Erfurt einen sensationellen Fund zu Tage bringen würde. In der Taubengasse in Erfurt wurde ein verfallenes barockes Haus saniert. Welch eine Überraschung, die Sanierung legte im Dachquartier eine übertapezierte Tür frei. Dahinter lag ein geheimer Raum, verstaubte Möbel und nicht genau zu bestimmende Kunstwerke. Alles musste geräumt werden. Das Erfurter Stadtmuseum lehnte ab. Das Lügenmuseum war interessiert, weil in den 70er Albrecht Hillemann und Reinhard Zabka in der Backstube des besetzten Hauses ein Atelier bezogen hatten.

Plakatgestaltung: Jürgen Gottschalk, 2017

Drei Stockwerke auf steilen Holzstiegen empor, ganz oben dann Ausblicke auf das Augustinerkloster und die Mühle an der Gera. In dem Raum hatte zuletzt ein Künstler gewirkt, das war auf den ersten Blick klar. Die Wände voller Kunst, die Bücher in graues Packpapier eingebunden. Die Kunstgegenstände stellten wir an die Wand, um sie zu begutachten. Alles wirkte wie eine Zeitreportage in Form von Skizzen, Objekten und Experimenten. Spiegelbild einer schwierigen Zeit, eine Episode aus Erfurts Kultur im verborgenen der 70er Jahre.
Die Ansammlung wurde ins Lügenmuseum transportiert, entstaubt und eingelagert. Die Namen der Künstler waren unbekannt, nichts war signiert. Es gab Umzüge, zuletzt 2012 in den Gasthof Serkowitz. Doch die Erfurter Sammlung blieb in groben Zügen erhalten.

25 Jahre nach dem Fund erhielt das Lügenmuseum eine Förderung der Bundesstiftung Aufarbeitung. Dies gab uns die Mittel, diese Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sie neu zu entdeckten. Was da unter dem sozialistischen Schubladenbegriff „Volkskünstlerisches Schaffen“ rmieren musste, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ernstzunehmender Aufbruch, der keinerlei Vergleiche scheuen brauchte. Was da fast vergessen in einer Dachkammer ruhte, steht heute stellvertretend für die schöpferische, vielseitige, eher im Stillen gewachsene und sich um keine Modeströmung scherende künstlerische Vitalität von Künstlern im Untergrund der DDR.

Diese Geschichte dieser konspirativen Kunstsammlung wird nun als Interieur Underground im Lügenmuseum präsentiert. Der Zugang erfolgt im siebenten Ausstellungsraum durch eine schmale Pforte hinter einem Bücherregal in das nachgebaute konspirative Hinterzimmer. Zum Ausstellungsraum gibt es einen Katalog mit ’89 Geschichten: Künstler dieser Zeit erzählen an Hand von Alltagsdingen über Ausgrenzung und Verfolgung. 10 aktuelle Künstlerplakate können als Wanderausstellung ausgeliehen werden.

Künstlerischer Leiter, Reinhard Zabka

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Pressemitteilung vom 1. Dezember 2017

Das zerrissene Soldatenfoto von A.R. Penck

Die neue Rauminszenierung Interieur Underground im Lügenmuseum Radebeul zeigt die Poesie des Untergrundes. Die unkonventionellen Ideen
der Demokratiebewegung, der Boheme und Subkultur in Ostdeutschland
spiegeln eindrucksvoll die Macht der Fantasie im Angesicht der Zensur.

Zur Ausstellung (Eröffnung: 9.12., 18 Uhr) gibt es zehn Künstlerplakate mit Originaldokumenten von damals und dem Blick von heute. Außerdem erscheint ein Katalog mit 89 Geschichten der friedlichen Revolution, in denen Künstlerinnen und Künstler der DDR in persönlichen Anekdoten anhand von Alltagsdingen über Ausgrenzung und Verfolgung erzählen.

Das zerrissene Soldatenfoto von A.R. Penck

In einer der 89 Geschichten des Ausstellungskatalogs erzählt der einst in den Westen ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann ironisch über „Tatwerkzeuge“. Zu sehen ist ein alter Stahlbehälter, in dem ein Freund Biermanns Tagebücher 13 Jahre lang versteckte in einem zweckentfremdeten Suppenkübel der Nationalen Volksarmee. „Das zerrissene Foto von A.R. Penck“ erinnert an eine Performance 1980 im Theater BAT in Berlin Prenzlauer Berg, wo der Maler am Schlagzeug saß und Fotos mit abgebildeten Wehrmachtsoldaten zerriss, die Schnipsel in die Luft warf, von Trillerpfeifenklängen anderer Künstler begleitet. Der Theaterdirektor rief vergebens Schluss! und wurde niedergepfiffen in einem Aufstand der Kunst gegen die Administration. Der Fotograf Günter Starke hielt 1984 eine Kunstaktion in der verfallen-berüchtigten Gaststätte „Mokka-Perle“ in der Dresdner Neustadt fest, wo sich eine Handvoll Künstler um Initiator Jörg Sonntag der Hausruine bemächtigten, kunstvoll die Räume verbarrikadierten und die wilden Klänge der „Rennbahnband“ waren ein letztes Aufbäumen vor dem Abriss.

Lilli Vostry, Öffentlichkeitsarbeit

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Pressemitteilung vom 7. November 2017

Interieur Underground. Eröffnung 9. Dezember 18.00 Uhr
Neuer Ausstellungsraum in der Dauerausstellung Lügenmuseum

Man sieht dem maroden Gasthof Serkowitz am Rand von Dresden nicht an, dass sich darin das fantastische Lügenmuseum befindet. Es präsentiert Maschinen zur Belustigung, anarchische Apparate im ironischen Leerlauf, ehemals ausgeschlossene Kunst der DDR. Die künstlerische Avantgarde der friedlichen Revolution – blinde Flecken in den Deutschen Museen, als Bilderstreit in Dresden derzeit heftig diskutiert.

Der Zugang erfolgt im siebenten Ausstellungsraum durch eine schmale Pforte hinter einem Bücherregal in das nachgebaute konspirative Hinterzimmer.
Foto: André Wirsig

Den ausgegrenzten Künstlern mangelte es an Ausstellungsmöglichkeiten. Deshalb schenkten sie sich zu jeglichen Anlässen ihre unverkäuflichen Werke, die zu beachtlichen Kunstsammlungen führten. Eine dieser Kunstsammlungen wird nun als Interieur Underground im Lügenmuseum Radebeul präsentiert. Der Eintritt erfolgt durch eine schmale Pforte hinter einem Bücherregal in ein konspiratives Hinterzimmer.

Künstler der Gegenbewegung, der Subkultur lehnten dass Sichfügen etablierter Künstler in die gesellschaftlichen Formen ab. Ihre Taktlosigkeit ist ein in der Kunst äußerst schöpferischer Faktor. Dahinter steht die Haltung, dass der Künstler, der sich vor dem Ungehörigen, der Geschmacklosigkeit und dem Skandal fürchtet, nicht viel wert ist. So greift der Underground als Avantgarde die etablierte Kunst öffentlich an und spricht dieser die künstlerische Qualität ab. Aus dieser Perspektive gleichen die Bestände an staatstragender Kunst der DDR in den ostdeutschen Museen einer Bad Bank (eine Bank für schlechte Verpflichtungen).

Zum neuen Ausstellungsraum der Dauerausstellung gibt es einen brandneuen Katalog mit ’89 Geschichten: Künstler der DDR erzählen an Hand von Alltagsdingen über Ausgrenzung und Verfolgung und es gibt 10 aktuelle Künstlerplakate. Gefördert durch die Bundesstiftung Aufarbeitung und den Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen, Träger ist der Kunst der Lüge e. V.

Zur Eröffnung sprechen Theresa Ende, Thomas Gerlach und Reinhard Zabka, Ulli Sachse Performance und Hartmut Dorschner sax.

Künstlerische Leitung, Reinhard Zabka

Gefördert durch die Bundesstiftung Aufarbeitung und den Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen, Träger ist der Kunst der Lüge e. V.

Neuer Raum in der Dauerausstellung Lügenmuseum
Eröffnung 9. Dezember 18.00 Uhr
Hartmut Dorschner — sax, Teresa Ende, Katharina Lenski, Thomas Gerlach, Gunhild Kreuzer, Ulli Sachse und Reinhard Zabka

– Die Kunst der DDR in Museen wird derzeit in den Medien heftig diskutiert.
– Im Albertinum wurde DDR Kunst abgehängt und führte zu einem Sturm der Entrüstung.
– DDR Kunstausstellung im Museum Barberini Potsdam erzielte Besucherrekorde. Diese Ausstellung wäre vor 30 Jahren sensationell gewesen.
Gegenstimmen. Kunst in DDR 1976-1989, im Martin-Gropius-Bau Berlin 2016 zeigte Kunstwerke als Kunstwerke, nicht als Zeitdokumente.
– Ausgegrenzte Künstler, die Avantgarde der friedlichen Revolution, sind in den Bundesdeutschen Museen unzureichend abgebildet.

Künstler der Gegenbewegung und der Subkultur der DDR lehnten dass Sichfügen etablierter Künstler in die gesellschaftlichen Formen ab. Ihre Taktlosigkeit ist ein in der Kunst äußerst schöpferischer Faktor. Dahinter steht die Haltung, dass Künstler, die sich vor dem Ungehörigen, der Geschmacklosigkeit und dem Skandal fürchten, nicht viel wert sind. So greift der Underground als Avantgarde die etablierte Kunst öffentlich an und spricht dieser die künstlerische Qualität ab. Aus dieser Perspektive gleichen die Bestände an staatstragender Kunst der DDR in den ostdeutschen Museen eher einer Bad Bank (eine Bank für schlechte Verpflichtungen) mit faulen Krediten.

Die ausgegrenzten Künstler der DDR hatten kaum Ausstellungsmöglichkeiten. Deshalb schenkten sie sich zu Geburtstagen und jeglichen Anlässen ihre unverkäufliche Kunst. Es entstanden in den Ateliers beachtliche Kunstsammlungen. Interieur Underground, ein neuer Ausstellungsraum der Dauerausstellung, beinhaltet solche Sammlungen. Der Eintritt erfolgt durch eine schmale Pforte hinter einem Bücherregal in ein konspiratives Hinterzimmer. Die Poesie des Untergrunds, die unkonventionellen Ideen der Demokratiebewegung, der Boheme und Subkultur in Ostdeutschland veranschaulichen die Macht der Phantasie im Angesicht der Zensur.

Katalog zur Ausstellung mit 89 Geschichten

Man sieht dem maroden Gasthof Serkowitz am Rand von Dresden nicht an, dass sich darin eines der phantastischsten Museen des deutschsprachigen Raumes befindet, das Lügenmuseum. Darin verweist der poetische Lügner auf das Wahre, dies gehört zu seiner Raffinesse. Es präsentiert ehemals zensierte Objekte und Installationen der DDR und Maschinen zur Belustigung, anarchische Apparate im ironischen Leerlauf.

Zum Ausstellungsraum gibt es aktuellen Künstlerplakate und einen Katalog mit 89 Geschichten: Künstler der DDR erzählen an Hand von Alltagsdingen über Ausgrenzung und Verfolgung. Die Ausstellung wird gefördert durch die Bundesstiftung Aufarbeitung und den Sächsischer Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.

Auf der Spuren nach Erinnerungen. Foto: André Wirsig

Presse/Pressemitteilung

Künstlerplakate

Ausstellungshintergrund

Katalog: Layout Juliane Vowinckel, Textbearbeitung u. Lektorat Juliane Vowinckel, Gabriele Stötzer, Uta Hünniger, Gisela Streufert, Thomas Gerlach
Ausstellungsgestaltung: Uta Hünniger, Frank Herrmann, Justus Ehras, Reinhard Zabka
Öffentlichkeitsarbeit: Lilli Vostry
Künstlerische Leitung: Reinhard Zabka
Ort: Lügenmuseum, Kötzschenbrodaer Str. 39, 01445 Radebeul
Förderung: Bundesstiftung Aufarbeitung und der Sächsische Landesbeauftragte für Stasiunterlagen
Träger: Kunst der Lüge e. V.